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Aus Memoiren von Teffi (Tage in Odessa). Aus dem Russischen (Teil 2)

: 2013-08-23 09:30:00

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Übersetzung: Olga Koseniuk


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In der Stadt waren neue Gesichter zu sehen: sich hinter dem Kragen versteckend, schauten sie sich vorsichtig um und huschten durch die Straßen.
- Sie schleichen ein! Glauben Sie mir, sie sind bereits eingeschlichen. Wir haben ein bekanntes Gesicht gesehen, einen Kommissar aus Moskau. Er hat so getan, als ob er uns nicht erkannt hätte und ist dann schnell verschwunden.
- Ach, Blödsinn. Die Entente die Landungstruppen, es gibt keinen Grund zur Panik.
Und auf einmal holte uns die bekannte Phrase ein, sie kam außer Atem angerannt:
- Die Auspi-zien sind besorgnis-erregend!
Es ging los!

Die erste Ausgabe von Unser Wort erschien. Die Stimmung der Zeitung war fröhlich und voller Lebenskraft. Völlig unpassend klang dagegen mein Artikel Das letzte Frühstück. Das letzte Frühstück eines zum Tode Verurteilten. Es ist eine Schilderung des sich vergnügenden Odessas, die Beschreibung des unheilverkündenden Schweigens überall und der leisen Geräusche, des Geraschels, des Flüsterns unter dem Fußboden, wohin sie sich einschleichen.
Meine Stimmung fand keinen Beifall.

- Woher dieser Horror? Was für böse Prophezeiungen? Jetzt, während die Entente während die neuen Militärformierungen landen während die Franzosen und so weiter.
- Das kommt ganz und gar ungelegen. Schauen Sie nur, was sich an der Reede tut!
- Die Flaggen!
- Die Entente!
- Die Landung!
Offensichtlich irrte ich mich

Eine optimistisch gesinnte Gruppe von Schriftstellern und Schauspielern hatte vor, irgendwo auf dem Dach einen Keller zu eröffnen. Gewiss, nach dem Vorbild des Streunenden Hundes[1]. Nur das Geld und der Name fehlten noch. Unter dem Einfluss des Geredes über die Entente schlug ich den Namen Die Flagge der Tante vor.

Es kursierten Gerüchte, dass das Hotel International wohl auch für unterschiedliche Stäbe beschlagnahmt wird. Dann müsste ich nochmals nach einer Unterkunft suchen. Mit Schrecken erinnerte ich mich an die ersten Tage in Odessa in einem kalten Zimmer einer Privatunterkunft, wo durch die zerbrochene Fensterscheibe des Badezimmers, in dem das Waschbecken für die ganze Familie stand, einem der Schnee auf den Kopf fiel. Der Herr des Hauses ging mit einem Mantel mit hochgestelltem Kragen und einem Hut aus Schafsfell sich waschen. Die Herrin des Hauses wusch sich, ohne den Muff auszuziehen.

Vielleicht war es ihnen warm genug, ich weiß es nicht. Ich aber musste niesen und wärmte mich mittels Gymnastik nach allen in der Welt existierenden Methoden. Ich wollte so etwas nicht noch einmal erleben müssen. Es war Frühling, Frühling, auf den normalerweise der Sommer folgt, so hatte ich keine Angst vor der Kälte; dennoch bereits die Aussicht auf die bevorstehende schwierige Wohnungssuche ärgerte und ermüdete mich zugleich. Es war besser, nicht daran zu denken. Umso mehr, weil ich mir keine ständige Aufenthalt in Odessa vorstellen konnte. Als ich noch im Hotel London wohnte, sagten mir meine Besucher:
- Was für eine wunderbare Aussicht werden Sie aus Ihrem Fenster im Frühling haben.
Ich antwortete immer:

- Ich weiß nicht. Ich denke nicht, dass ich hier den Frühling erleben werde. Die Auspizien sind besorgniserregend
An einem hellen sonnigen Tag gehe ich die Straße entlang spazieren. Von der Uferstraße bietet sich ein ungewöhnlicher Anblick: die dunkelhäutigen Soldaten, mit dem Weiß der Augen rollend (es sieht aus wie ein hartgekochtes Ei, gelb schillernd), treiben die geladenen Esel an. Das war die Landung. Man merkte jedoch keinen besonderen Enthusiasmus bei der Bevölkerung.
- Sieh mal einer an! Solche sind geschickt worden! Haben sie etwa nichts Besseres gefunden?
Die Neger grinsten wütend, zeigten die Zähne eines Kannibalen, schrien etwas in der Art habalda balda, und man konnte nicht sagen, ob sie uns beschimpfen oder begrüßen.
Ist doch alles egal. Es stellt sich schon bald heraus.
Die Esel wedelten munter mit den Schwänzen. Das war ein willkommenes Auspizium.
- Na, wie denken Sie denn über Odessa? Hmm?[2].
Eine merkwürdig bekannte Stimme
- Hmm! Das ist doch eine Mandarin und keine Stadt. Wieso sind Sie nicht im Café? Da ist doch die ganze geschlagene Sahne, die Creme de la Creme der Gesellschaft!
Gus`kin war das! Aber wie sah er aus: alles war durchweg graublau: die Jacke, die Krawatte, der Hut, die Socken, die Hände Mit einem Wort ein Dandy.
- Ach, Gus´kin, wie es aussieht, bleibe ich wohl ohne Unterkunft. Ich bin am Verzweifeln.
- Am Verzweifeln? fragte Gus`kin. Von nun an Sind Sie nicht mehr am Verzweifeln.
?..
- Sie sind nicht mehr verzweifelt. Der Gus`kin findet Ihnen eine Wohnung. Sie denken sich vielleicht Gus`kin sei so einer!
- Ich habe mir nie gedacht, dass Sie einer sind, glauben Sie mir!
- Aber, Gus`kin, Gus`kin ist brauchen Sie Teppiche?
- Was? erschrak ich.
- Teppiche. Diese Marokkaner haben viel Plunder mitgebracht. Wunderbare Sachen und sehr billig dazu. Billiger sogar als die Kaputtrübe[3]. Ich kann Ihnen sogar den genauen Preis nennen, damit Sie eine Vorstellung haben: ein wunderbarer nagelneuer antiker Teppich von zwei Arschin[4] sechs Werschok in der Länge und in der Breite: zwei Arschin fünf, nein zwei Arschin sechs Werschok Und für so einen Teppich zahlen Sie vergleichsweise sehr günstig.
- Danke, Gus`kin. Jetzt wird man mich nicht mehr übers Ohr hauen, jetzt weiß ich Bescheid, wie viel man zahlt.

- Ach, Frau Teffi, so schade, dass Sie damals nicht mit Gus`kin gefahren sind. Ich begleitete vor Kurzem einen Sänger: er ist weder Fleisch noch Fisch, der Mistkerl. Ich, wissen Sie, habe auf Sobinov geschossen
- Sie, auf Sobinov? Warum?
- Nun, wie gesagt, ich schoss, also, ich zielte, zielte auf Sobinov, aber es klappte nicht. So fuhr ich meinen Mistkerl nach Nikolajev, habe ihm einen Saal gemietet, die Tickets verkauft, das Publikum, alles arrangiert, wie es sein soll. Und, was denken Sie sich? Diese Niete hat keinen einzigen hohen Ton zustande gebracht. An jeder Stelle, wo ein hoher Ton sein muss, (auf diese Idee muss man erst kommen!) holt er sein Taschentuch heraus und putzt sich seelenruhig die Nase. Das Publikum hat Geld bezahlt, es wartet auf seinen hohen Ton und dieser Schurke schnäuzt sich, wie ein Zwangsarbeiter, geht dann zur Kasse und verlangt sein Honorar. Ich kann mich wahrlich nicht im Zorn beherrschen, Sie kennen mich doch, also sage ich ihm: Entschuldigen Sie, bitte, aber wo sind denn alle ihre hohen Töne? So, wortwörtlich, habe ich ihm das gesagt. Und er schweigt zunächst und antwortet dann: Haben Sie sich etwa angebildet, dass ich in Nikolajev mit den hohen Tönen arbeiten werde? Was bleibt dann für Odessa, London, Paris oder sogar Amerika übrig? Oder werden Sie sagen, Nikolajev ist die gleiche Stadt wie Amerika? Was kann man darauf antworten, wenn die Töne im Vertrag nicht mal erwähnt sind.

Ich schweige, aber sage trotzdem, dass er vielleicht gar keine hohen Töne treffen kann. Und er sagt: Ich habe sie reichlich auf Lager, möchte aber nicht nach Ihrer Pfeife tanzen. Heute, meint er, verlangen Sie in dieser Arie ein A und morgen werden Sie an selber Stelle ein H verlangen. Und das zum selben Preis. Seien Sie doch zufrieden. Oder suchen sie sich einen anderen Dummen. Die Stadt, - sagt er, - ist nicht groß, sie kann auch ohne die hohen Töne auskommen, besonders, wenn man bedenkt, dass es überall Revolution und Bürgergemetzel wüten. Na, was können Sie ihm darauf antworten?
- Nun, dazu fällt einem wirklich nichts mehr ein.
- Warum organisieren wir nicht ein Konzert für Sie? Ich würde mich um die Werbung kümmern. An allen Säulen und Mauern wird mit großen Buchstaben was geschrieben? Mit Riesenbuchstaben: Das auszeichnete Programm
- ge, Gus`kin.
- Wen?
- Hier fehlt ge. Ausgezeichnete.
- Na, bitte, mit ge. Als ob ich was dagegen gesagt hätte. Daran soll es nicht scheitern. Mann kann auch schreiben: der geriesige Erfolg.
- Ohne ge, Gus`kin.
- Jetzt plötzlich ohne ge? Ich habe mir schon gedacht, dass ohne. Warum auch plötzlich? Wenn man immer schreibt auszeichnete Aber dann sind da die Nerven der Damen und deshalb mit ge.
Er hörte plötzlich auf zu reden, schaute sich um und flüsterte mir zu:
- Brauchen Sie vielleicht Devisen?
- Nein. Wozu?
- Für Konstantinopel.
- Ich habe nicht vor, weg zu fahren.
- Nein?
Er schaute mich misstrauisch an.
- Haben nicht vor? Na, wenn Sie meinen. Lassen wir es so gelten.
Es war klar, er glaubte mir nicht.
- Hat Ihnen etwa jemand gesagt, dass ich nach Konstantinopel fahre?
Gus`kin antwortete geheimnisvoll:
- Als ob ich es nötig hätte, dass mir gesagt wird? Ha!
Ich verstehe nichts. Ich schaute auf den graublauen Gus`kin, die wütend lächelnden Neger, die ungeduldigen Eselschwänze. Vielleicht haben diese schwarzen Antlitze bewirkt, dass Gus`kin seine Träume gen Istanbul ausrichtete?
Merkwürdig war das alles.

Schnell, wie erschrocken, rannten die Tage davon. Wie viele waren es? Gar nicht viele: drei, vier? Vielleicht sechs? Ich weiß es nicht mehr.
Eines Tages wurde ich vom Getrappel, von den Stimmen und vom Knallen der Türen aufgeweckt. Ich stehe auf. Seltsames Bild: die Truhen, Koffer, Kartons und Bündel werden entlang des Korridors geschleppt. Hektik, Lauferei. Die Türen stehen offen. Überall auf dem Fußboden liegen Papierfetzen, Stricke. Werden sie alle ausgewiesen? Na das werden wir noch sehen. In der Halle liegt Gepäck herum. Die besorgten Menschen hasten, flüstern etwas, stecken sich gegenseitig Geld zu, reden über Passierscheine. Und das alles in einer Riesenaufregung. Sie sind rot, haben weit aufgerissene Augen, die Arme sind weit auseinander gespreizt, die Melonen sitzen tief im Nacken. Offensichtlich, ziehen die Stäbe ein. Was, wenn ich auch ausgewiesen werde?
Ich ging in mein Zimmer zurück, holte zur Sicherheit meine Kleider aus dem Kleiderschrank und die Wäsche aus der Kommode, steckte das Ganze in die Truhe und ging in die Redaktion. Dort wissen vielleicht alle, was los ist.
Auf der Straße erblickte ich etwas ganz unerwartetes: die Schwarzgesichtigen rannten, trieben die Esel an. Jetzt waren aber die Tiere mit den Mäulern zum Ufer gekehrt und mit den Schwänzen zur Stadt. Die Schwarzen hatten es eilig, schlugen die Esel mit den Stöcken und die Esel trotteten. Was kann das alles bedeuten?
Aus der Wäscherei rennt ein französischer Soldat mit einem Armvoll feuchter Wäsche. Ihm hinterher eilen zwei wütende Wäscherinnen:
- Du hast sie nicht alle! Halt! Was, wenn du nicht nur das Deine mitgenommen hast
Durch die offene Tür der Wäscherei entweicht heißer Dampf und man kann sehen, wie die Soldaten den Wäscherinnen die Wäsche aus den Händen reißen. Geschrei, Gezeter. Und ein Mann mit der Melone ist auch dabei.

Was bedeutet denn das? Die Wäscherinnen werden bekämpft? Die Wäscherinnen in Odessa sind wahrlich die Geißel der Menschheit. Was erlaubten sie sich nicht alles mit uns! Eine von ihnen hat mir mal ein Halbes Dutzend Tücher nicht zurückgegeben.
- Sie werden dafür eine Abfindung kriegen, - sagte sie voller Stolz.
- Wie denn?
- Sie müssen für die Tücher, die sie nicht zurückbekommen haben, nichts zahlen!
Neben der nächsten Wäscherei ist auch ein Gemetzel.
- Madame Teffi!
Ich drehe mich um. Die Person ist mir kaum bekannt. Wie es scheint, ist er einer der Journalisten. Er kommt angerannt, außer Atem.
- Haben Sie das schon gesehen? Die Panikmacher! Und Sie gehen seelenruhig spazieren! Haben Sie etwa bereits alle Sachen gepackt?
- Sachen packen? Wohin?
- Wohin? Nach Konstantinopel.
Wieso treiben sie mich alle nach Konstantinopel an?
Er rannte inzwischen weiter, gestikulierte mit den Armen und wischte den Schweiß von der Stirn.
Was ist los?
Gestern noch bekam ich Besuch von meinen Freunden und Bekannten. Es war keine Rede von Konstantinopel. Werden jetzt etwa alle evakuiert? Aber geht es überhaupt so, von heute auf morgen?
In der Redaktion herrschte volle Verwirrung.
- Was ist los?
- Wie was ist los? Die französischen Truppen geben die Stadt auf, das ist los. Wir müssen flüchten.
Das hat es also zu bedeuten!

Wir fuhren alle aus Richtung Norden, auf der geographischen Karte von oben nach unten. Zunächst dachten wir, wir verweilen ein bisschen in Kiew und dann ab nach Hause. Ich habe noch meine Schriftsteller-Brüder geneckt: Na, was? Hat euch eure Sprache bis nach Kiew geführt?[5]. Wir wurden nach unten angetrieben und zum Meer gespült. Ab dann musste es schwimmend weiter gehen. Aber wohin?..
Wir sprachen und glaubten uns selber nicht.
- Wo möchten sie hin? Hat man mich gefragt.
- Nirgendwohin. Ich bleibe in Odessa.
- Sie werden doch erhängt.
- Das wäre echt sehr langweilig. Aber wo soll ich hin?..
- Sie müssen sich schnell einen Passierschein für irgendeinen Dampfer besorgen.
Leider war ich nicht wirklich fähig etwas zu besorgen.
In einem der Redaktionszimmer saß A.P. Kugel auf dem Fensterbrett. Blass und zottelig war er, und führte Selbstgespräche:
- Wo muss man hingehen? Wenn sie bereits hier sind, wenn keiner uns schützen kann Vielleicht sind sie Macht? Sind im Recht?
Ich kam auf ihn zu, aber er bemerkte mich nicht mal und sprach mit sich weiter.
Man muss doch etwas unternehmen, wenn wirklich alle weggehen. Was werde ich sonst allein machen?

Das war für mich gerade der richtige Zeitpunkt, um mich an die mir ergebenen Seelen; die noch vor einem Monat mit Begeisterungstränen, für die sie sich nicht schämen mussten, behaupteten, dass ich die erste sein würde, die im Falle der Evakuation den Dampfer betritt.
Ich rief den Rechtanwalt A. an. Seine Tochter antwortete:
- Papa ist nicht zu Hause.
- Fahren Sie weg?
-Äh, es steht noch nicht fest. Ich habe keine Ahnung.
Ich rief bei B. an.
Die Wohnungsbesitzerin sagte:

- Fort. Sie sind alle fort.
- Wohin?
- Mit dem Dampfer unterwegs. Sie hatten schon lange Passierscheine von den Franzosen.
- Ah! So ist es! Schon lange
Die B.-s schwuren auch und waren dabei sichtlich gerührt.
Ich wollte jemanden von meinen Literaturfreunden besuchen, aber ein Teil der Stadt war aus irgendeinem Grund umriegelt von Soldaten. Warum, wusste keiner. Und überhaupt wusste keiner über irgendetwas Bescheid.
- Wieso ziehen die französischen Truppen ab?
- Man hat eine geheime Botschaft aus Frankreich erhalten. Da gab es eine Revolution, die Kommunisten kamen an die Macht, was bedeutet, die Truppen können nicht gegen die Bolschewiken antreten.

Eine Revolution in Frankreich? Was für ein Unsinn!
- Nein, - erriet jemand. Sie gehen nicht wirklich, sie tun nur so, um die Bolschewiken zu überlisten.
Aus einem Frisörsalon stürmte eine Dame, eine Bekannte von mir.
- Was für ein Unfug! Ich warte bereits seit drei Stunden! Alle Frisörsalons sind zum Bersten voll Haben sie sich schon Locken machen lassen?
- Nein antworte ich verlegen.
- Was denken sie sich denn? Die Bolschewiken greifen an, wir müssen fliehen. Möchten sie etwa unfrisiert die Flucht ergreifen? Zinaida Petrowna, die ist schlau: Ich, - sagt sie, - habe schon gestern begriffen, dass unsere Lage unsicher ist, und ließ mir gleich die Maniküre und Ondulation machen. Heute sind alle Frisörsalons voll. Ich muss mich beeilen
Ich bin in der Nähe des Hauses vom Rechtsanwalt A. Ich entscheide mich, einfach rein zu gehen und zu fragen.
Seine Tochter öffnet die Tür.
- Papa ist noch nicht da. Er kommt in zwei Stunden.
Im Flur liegen Kleidung, Wäsche, Schuhe, Hüte herum. Die offenen Koffer und Truhen sind zur Hälfte voll mit Sachen.
- Fahren Sie weg?
- So scheint es
- Wohin?
- Nach Konstantinopel, denke ich. Aber wir haben noch keine Passierscheine. Papa kümmert sich gerade darum. Kann sein, dass wir doch bleiben.
Das Telefon klingelt.
- Ja, - schreit sie in den Hörer. Ja, ja. Zusammen. Sind die Kabinen nebeneinander? Super! Papa holt mich um sieben Uhr ab.
Damit sie sich nicht schämen muss, dass ich das Gespräch gehört habe, mache ich leise die Tür auf und verschwinde.
Auf der Straße eine neue Begegnung.
Eine bekannte Odessa-Anwohnerin, sehr aufgeregt, sogar fröhlich.
- Meine Liebe! Sie werden es mir nicht glauben! So robust wie Leder! Beeilen sie sich, der Vorrat ist knapp!
- Was? Wo?
- Der Tüll. Einfach ausgezeichnet! Ich habe ihn mir für ein Kleid geholt. Wieso wundern sie sich? Man muss die Situation ausnutzen. Der Stoff ist günstig, weil die Bolschewiken später alles einfach konfiszieren. Nehmen sie die Beine in die Hand! Los!
- Danke. Aber ich bin nicht in der Laune dafür.
- Wissen sie, der Ladenbesitzer wird nicht warten, bis sich ihre Laune verbessert. Und, glauben sie mir, wir wissen zwar nicht, was uns erwartet, aber den Tüll kann man immer gut gebrauchen.
Ich besuchte meine Freunde M-m. Sie wussten von nichts. Nicht mal, dass die Truppen abziehen. Aber sie haben die Anzeichen der besorgniserregenden Veränderung auf eine andere Weise festgestellt.
- Der Specht zog in die Wohnung ein und hat es sich im Wohnzimmer gemütlich gemacht. Hören Sie?
Ich horchte. Aus dem Wohnzimmer von nebenan hörte man eine sehr unangenehme rostige Stimme singen:


Madame Piep-Piep
Ich habe Euch lieb


Ach, ich verstehe. Die Stimme gehörte einem sehr verdächtig aussehenden Typ mit einer langen Nase, den man ab und zu durch den Flur huschen sah, dabei gab er sich stets die Mühe, sein Gesicht zu verstecken. Einer der Ehemaligen erkannte ihn und nannte sogar seinen Spitznamen. Das war ein Bolschewik aus Moskau.

Er kam zur Hausbesitzerin, flüsterte etwas mit ihr, belauschte und bespitzelte alle. Gleichzeitig flirtete er auch mit der Dame, denn sie war noch nicht alt, morgens trug sie ein Kleid, dessen Ausschnitt ihren fetten, mit Puder dick, wie mit Mehl bedeckten Hals zeigte. Sie hatte Fischaugen mit dicken Lidern und eine Nase wie eine Ahle. Also, sie war die Verkörperung von Liebe.
-Abends hörte man, wie sie, nachdem sie mir der Prosa des Denunzierens fertig war, schmachtend, wie eine Taube, gurrte:
- Oj, wo ist denn meine Wonne? Wo denn?
- Deine Wonne ist bei dir!- antwortete die rostige Stimme.
Und seit gestern hörte die Wonne auf sich zu verstecken. Sie zog mit dem Korb voller Habseeligkeiten ein und schrie laut in die Küche:
- Annuschka, bürsten sie meine Hose ab!
Der Bolschewik musste sich nicht mehr verstecken.
In der Tat sind die Auspizien besorgniserregend.
M-m hatten nicht vor, zu fliehen. Auf mich wirkte das ermutigend.
Denn es gibt doch Menschen, die seelenruhig auf ihrem Platz sitzen
Ich ging zurück ins Hotel.

Die Pförtner verschwanden irgendwohin. Die meisten Zimmer standen leer, mit weit geöffneten Türen.
Gleich nachdem ich zu mir hoch gegangen war, klopfte jemand an meine Tür.
Ein bekannter Moskauer stürmte herein.
- Ich komme schon zum zweiten Mal vorbei. Haben Sie Geld? Alle Banken sind zu, wir haben nichts für unterwegs. Meine Frau ist verzweifelt.
- Wo wollen Sie hin?
- Heute Abend mit Śilka nach Wladiwostok. Und Sie?
- Nirgendwohin.
- Ist das ein Scherz? Sie sind ja verrückt! Wie kann man in der Stadt bleiben, die den Banditen zur Plünderung übergeben ist! Man sagt, die Moldavanka ist schon bewaffnet und wartet nur, bis die Truppen weg sind, um die Stadt anzugreifen.
- Aber wo kann ich hin?
- Wir waren uns sicher, dass für Sie bereits vorgesorgt ist. Gehen wir zusammen nach Wladiwostok, wir haben Passierscheine, wir helfen Ihnen über die Grenze.
- Gut. Ich freue mich.
- Dann seien Sie pünktlich um acht Uhr abends mit dem Gepäck am Hafen. Nicht vergessen pünktlich um acht!
- Selbstverständlich! Küssen Sie Lelečka von mir.

Jetzt, wo meine Abreise feststand, fühlte ich plötzlich, wie sehr ich in Wirklichkeit wegfahren wollte. Jetzt, wo ich in aller Ruhe denken konnte, was mich erwarten würde, wenn ich geblieben wäre, verspürte ich Angst. Gewiss, das war nicht der Tod, wovor ich Angst hatte. Ich hatte Angst vor den wütenden Visagen mit den auf mein Gesicht gerichteten Taschenlampen, vor dem blöden idiotischen Erbostsein. Vor der Kälte, vorm Hunger, vor der Dunkelheit, vor dem Kolbenklopfen aufs Parkett, dem Geschrei, dem Geheule, den Schüssen und dem fremden Tod. Ich war es satt. Ich wollte nicht mehr. Ich konnte nicht mehr.



[1]  Ein Kabarett in Sankt Petersburg Anfangs des XX Jh., beliebt bei Schriftstellern und Künstlern

[2]  Dialektale Färbung der Sprache (Odessa Dialekt)

[3]  Anspielung auf die Redensart einfacher, als die Kohlrübe

[4]  Alte russische Längenmaßen: 1 Werschok = 1/16 Arschin = 4,445 cm.

[5]  Anspielung auf ein russisches Sprichwort: (Mit der Sprache kommt man weiter, bis nach Kiew)




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